Kastration

Verunsicherung beim Thema Kastration

In letzter Zeit häufen sich die Fragen zum Thema Kastration – Verunsicherung macht sich breit, denn der alte Weg „Lass ihn doch einfach kastrieren.“ fängt an zu bröckeln. Und das nicht ohne Grund.

Es gibt viele unterschiedliche Aussagen zum Thema und die verunsicherten Halter geben sie fragend wieder:

„Der Tierarzt meinte, wir sollen unsere Hündin auf jeden Fall vor der ersten Läufigkeit kastrieren lassen, denn sonst besteht eine große Gefahr, dass unser Mädchen an Brustkrebs oder Tumoren an der Gebärmutter erkrankt.“

„Außerdem fällt dann die Läufigkeit weg – das ist doch für alle Beteiligten angenehmer und sie kann nicht mehr versehentlich schwanger werden.“

„Ein Bekannter meinte, beim Rüden sollte sie standardmäßig vorgenommen werden – am besten so früh wie möglich – zur Prävention von Tumor- und Prostata-Erkrankungen.“

„Mein Hundetrainer sagte, dass mein Rüde danach viel leichter zu führen wäre, er würde besser hören, sich mit anderen Rüden verstehen und wäre weniger aggressiv. Ein Training würde vor der Kastration nichts bringen.“

Risiken und Nebenwirkungen

Im ersten Moment alles recht nachvollziehbare Argumente für eine Kastration. Allerdings sind die Ergebnisse zum Thema der positiven Verhaltensveränderung „so eine Sache“. Und neueste Erkenntnisse schmälern das Prophylaxe-Argument. Einige Studien deuten darauf hin, dass andere Krankheiten und Krebsformen durch eine Kastration im Vergleich sogar stärker begünstigt werden. Ein Milz-Tumor ist wesentlich schwieriger zu erkennen, als ein Gesäuge-Tumor.

Wusstet ihr, dass nicht wenige Hündinnen nach einer Kastration an Harninkontinenz leiden? Auch beim Rüden kann das passieren – aber wesentlich seltener.

Und wusstet ihr, dass kastrierte Hunde zu Übergewicht neigen?

Eine Frühkastration hat gravierende Folgen für die Entwicklung eines Hundes. Wichtige Reifeprozesse werden behindert und man verwehrt seinem Hund in gewisser Weise das „Erwachsenwerden“. Unter den Folgen dieser Entscheidung leiden nicht wenige ein Leben lang.

Ein solcher Eingriff kann nicht rückgängig gemacht werden.

Selbst sexuell motiviertes Verhalten, welches vor der Kastration gezeigt wurde, wird häufig auch nach der Kastration noch gezeigt. Es hat Spaß bereitet und kann auch ohne „hormonelle Unterstützung“ gezeigt werden.

Wer von euch wusste, dass laut Tierschutzgesetz keine Amputation ohne Indikation vorgenommen werden darf? Eine Amputation ohne triftigen Grund ist tierschutzrelevant und somit verboten. Die Kastration zählt hier genauso zu den Amputationen, wie das Kupieren der Rute oder der Ohren.

Was machen wir nun mit dem Wissen?

Bisher war der dringende Grund für eine Kastration das Verhindern der Erkrankung der Geschlechtsorgane. Eine ziemliche Grauzone, finden wir.
Aber was passiert nun mit den neuen Erkenntnissen, dass andere Erkrankungen durch die Kastration begünstigt werden? Was machen wir aus dem Wissen, dass der Wunsch nach einer positiven Verhaltensveränderungen nur selten erfüllt wird oder das Ergebnis sogar ins Gegenteil schwenken kann? Wie reagieren wir darauf, dass die Nebenwirkungen nicht von der Hand zu weisen sind?

Einige Fachleute verschließen Augen und Ohren und verbreiten ihre alten Prinzipien weiterhin an Kunden, die einem Fachmann natürlich Glaube schenken.

Andere nehmen neue Erkenntnisse an und haben bereits begonnen, ihre Einstellung zur Kastration zu überdenken und tun viel dafür, damit das neue Wissen auch in die Welt getragen wird: Ein toller Beitrag hierzu von Tierarzt Ralph Rückert, der diesen schon Ende 2014 veröffentlichte und in seinem Text wunderbar die medizinischen Vor- und Nachteile erläutert.

Wann kommt eine Kastration in Frage?

Es gibt natürlich auch Gründe, die ganz klar für eine Kastration sprechen. Ist beispielsweise ein Rüde an Hodenkrebs erkrankt oder eine Hündin hat immer wieder eine entzündete Gebärmutter, kann eine Amputation Leben retten. Ein sexuell stark übermotivierter Hund wird ohne Kastration kaum ein normales Leben führen können. In einigen, eher seltenen Fällen, kann sie tatsächlich zu einer erwünschten Verhaltensveränderung führen. Hier sollte in jedem Fall vorher durch professionelle Hilfe eine genaue Analyse durchgeführt werden. In der Mehrhundehaltung ist eine Kastration manchmal gezwungenermaßen von Nöten.

Es geht also nicht darum, die Kastration an sich zu verteufeln, sondern darum, nicht mehr jeden Hund von vornherein zu kastrieren bzw. kastrieren zu lassen, weil man das eben schon immer so macht. Es geht darum, neues Wissen an sich heran zu lassen und alte Prinzipien zu überdenken. Wir sollten unsere Hunde nicht mehr ohne Indikation und genaue Abwägung von Notwendigkeit, Risiken und Nebenwirkungen kastrieren lassen, um es möglicherweise bequemer zu haben.

Buchempfehlung

Jedem, dem der Kastrationsgedanke im Kopf herumschwirrt – aus welchem Grund auch immer – empfehlen wir, das BuchKastration und Verhalten beim Hund“ von Udo Gansloßer und Sophie Strodtbeck zu lesen.

Danach könnt ihr immer noch entscheiden – dann aber perfekt aufgeklärt.

Buch "Kastration und Verhalten beim Hund" von Sophie Strodtbeck und Udo Gansloßer